Inselkunst

"Schachmatt" von Stephen L. Carter
Black is OK.
Sagt jedenfalls GM Adorjan, und wer wäre ich, ihm zu widersprechen.
(Ein FM, falls es irgendwen interessiert.)
Aber so einfach ist es nicht. Mag man auch als Schwarzer rein technisch gleiche Chancen haben, so kommt Weiß doch immer zuerst. Und das bedeutet eine psychologische Sperre, ein ständiges leises Minderwertigkeitsgefühl, selbst wenn man zur Oberschicht der USA gehört.
Reingefallen. Dachte jemand, ich rede von Schach?
Carters Schilderungen der schwarzen Oberschicht sind so präzis, dass ich ihn mal ganz frei als farbvertauschten John Updike bezeichnen würde. Das ganze ist aufgemacht als ein Polit-Thriller, wo man allerdings dem Autor den leisen Vorwurf machen kann, dass er zu wenig "Clues" fallen läßt.
Aber bei einem Schachproblem gibt der Autor ja auch keine Hinweise.
Ein Problemkomponist nämlich ist der Vater von Talcott "Tal" Garland, dem Ich-Erzähler (genannt Misha, wieso wohl ;-). Bzw. war, denn dieser verschied am Herzinfarkt. Oder war es Mord?

Alibi

Denn der Vater war Richter am Obersten Bundesgericht der USA, und wo die Politik mitspielt, gibt es die Tüte Verschwörungstheorie für nur fünf Cent im Sonderangebot. Doch bald rennen dem Sohn zwielichtige Gestalten die Bude ein, Beweise (aber für was?) verschwinden, und er jagt den Gespenstern der Vergangenheit so ziellos kreuz und quer hinterher wie HRs Figuren in einer Partie. Ist er nur eine Schachfigur im Spiel politischer Dunkel- und Hintermänner? John Brunner, ick hör dir trapsen.
Man merkt leider, dass das Problemschachwissen des Autors lediglich angelesen ist, wenn er z.B. den Nowotny bezeichnet als Thema, "bei dem sich zwei schwarze Figuren gegenseitig daran hindern, wichtige Felder zu decken". Den es zwar auch noch in den Unterausführungen vornehmer N., finnischer N., jugoslawischer N., russischer N. und aldebaranischer N. gibt, aber die Definition hat soviel Übergröße wie Shine's...aber lassen wir das. Aber das ist natürlich Genörgel für die Spezialisten, da Otto Normalpatznase noch nicht einmal verschwommen ahnt, was ein Nowotny ist. (Na, will sich jemand ein Freigetränk verdienen und mir die korrekte Definition sagen?) Überhaupt wirken die Zuordnungen der Problemthemen zu den Kapiteln etwas esoter – ich wünschte, der Autor würde genau erläutern, inwiefern die Handlung analog zu einem Nowotny, Turton oder ungedecktem Fluchtfeld ist.
Doch ist dies endlich mal ein Roman, wo Schachspieler keine skurrilen Typen (und Problemisten skurril zum Quadrat) sind. Und die leise Fachkritik soll keinen daran hindern, sich diesen absolut lesenswerten Roman einzupfeifen.

HR

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