Später, als ich als 13-Jähriger zur Schulschachgruppe des Gymnasium Wilhelmsburg stieß, war es ähnlich. Da habe ich jene Oberstufler weggeputzt, die mich auf dem Schulhof keines Blickes gewürdigt hatten. Die rächten sich dann auf ihre Weise: Wenn wir mit dem 1962er Opel Rekord Coupé von Holger Rochow zu den Schulschachwettkämpfen fuhren, saßen drei gesetzte Herren im Alter von 18 oder 19 Jahren vorne auf der durchgehenden Sitzbank, hinten vier schlanke angehende Abiturienten nebeneinander und mich legten sie quer über ihre Oberschenkel und erklärten: „Wenn Polizei kommt, müssen wir dich verstecken!“ Natürlich brüllte an jeder zweiten Kreuzung einer aus der Achtermannschaft: „Achtung – Polente!“ und alle vier Hintensitzende zogen die Beine ruckartig an, was mich von unten gegen das Autodach schleuderte und danach kam die krachende Landung im Fußraum. Das war mir aber egal, weil ich die Typen bei der nächsten Schulmeisterschaft umso freudvoller zerlegen würde.
Erinnerst du dich an deinen ersten Besuch im SKW? Wie sah damals die Jugendarbeit aus?
Das muss so um 1969 herum gewesen sein. Auslöser war eine Meldung über das Angebot des SKW in der Wilhelmsburger Zeitung, wo Paul Scholz, einer der Spitzenspieler des Vereins, eine Schachkolumne hatte. Als ich im Emmaus-Gemeindehaus – dem damaligen Spielort – reinschaute, bestand die Jugendgruppe im Wesentlichen aus Bernhard Broderdörp und Gerhard Wullbrandt. Und die Jugendarbeit verkörperte Heiner Ahrens, der wild entschlossen war, den von älteren Herren geprägten Klub zu beleben. Ich habe da bereits die Schulschachgruppe am Gymnasium geleitet und für uns beide war sofort klar: Die Schulschachgruppe macht die Basisarbeit und diese Basis sollte den Verein erneuern. Heiner ist dafür jeden Freitagnachmittag zur Schulschachgruppe geradelt und hat dort den SKW behutsam, aber nachhaltig verkörpert. Schachklub Wilhelmsburg – das war für uns gleichbedeutend Heiner Ahrens.
Dennoch: Im Vergleich zu den Hamburger Edelstadtteilen waren Wilhelmsburg und auch große Teile Harburgs im Jugendschach klar unterentwickelt. Das merkten wir zum Beispiel, wenn wir bei den Hamburger Jugendeinzelmeisterschaften gegen die Jungs – Mädchen waren damals eine noch kleinere Minderheit als heute – antraten. Förderung durch echte Spitzenspieler gab es im Süderelberaum kaum. Aber es gab erste Weichenstellungen.
Gab es einen bestimmten Spieler oder Mentor, der dich beeinflusst hat?
Nicht nur einer: Da war der leider jung verstorbene Arthur Heibeck mit seinem ideenreichen und angriffslustigen Spielstil, der ohne Brechstange, sondern mit gesunder positioneller Basis einherging. Da war der Kolumnist Paul Scholz, ein filigraner Techniker, der die Schachecke in der Wilhelmsburger Zeitung bediente. Als ich ihn später „beerbte“, führte das sogar zu einer beruflichen Weichenstellung: Statt wie zunächst geplant beim Lehramt landete ich über die freie Mitarbeit bei der WZ bei einer großen Zeitung und schließlich als Redakteur bei Radio Bremen.
Was bedeutet dir der Schachklub Wilhelmsburg heute noch?
Das lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Er hat meine Jugend geprägt und – siehe oben – mein späteres Leben beeinflusst.
Welche Schlüsselmomente in der Geschichte des Vereins waren für dich prägend?
Da war vor allem der Ruck, der im Vorfeld des 40jährigen Vereinsjubiläum durch den Schachklub ging. Da haben wir Ex-Jugendliche, die inzwischen zu Twens geworden waren, in einem Alte-Herren-Klub für neuen Schwung gesorgt – vor allem durch die Gründung von INSELSCHACH, zunächst eine Zeitschrift im Grenzbereich von Seriosität, Satire, noch mehr Blödelei und gelegentlich sogar etwas schachlicher Berichterstattung. Das hat viel Spaß gemacht und mich dazu gebracht, für die große Jubiläumsausgabe die Vereinsgeschichte aufzuarbeiten. Als politisch engagierter Mensch fand ich es besonders spannend, wie die Gründer um Walter Szameitat, die zum beträchtlichen Teil aus dem Arbeitersport kamen, die Nazis 1936 an der Nase herumführten und einen nur scheinbar gänzlich unpolitischen Verein aus der Taufe hoben. Es war faszinierend, mit Walter Szameitat, der erst 1978 starb, darüber zu sprechen. Mit von der Partie bei den ersten Inselschachs waren unter anderem Klaus Neumann, Uwe Gartner, Jürgen Olschok, Lutz Meyer („elmer“) und André Grohmann für Druck&Technik bei der SPD-Jugendorganisation "Die Falken".

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